Das verhängnisvolle Testament


So wie  sie in vergilbten Akten zu lesen ist,  berichte ich eine Geschichte aus dem alten Planitz und Sie, liebe Leserin und lieber Leser, können  selbst entscheiden, ob sie Ihnen mehr tragisch oder komisch erscheint. Der Fall ereignete sich in der Familie von Arnim, die 1689 die Grundherrschaft Planitz durch Tausch erworben hatte. Sie ließ nach und nach das im Dreißigjährigen Krieg zerstörte Schloss wieder aufbauen, ungefähr so, wie es heute noch steht. Aber ihr fester Wohnort blieb  Gröba (heute Stadtteil von Riesa). Erst  1768 nahm  Kammerjunker Hans Christoph von Arnim mit seiner jungen Frau sowie Sohn und Tochter hier in Planitz seinen ständigen Wohnsitz. Die Frau stammte aus einer  verarmten, aber  adelsstolzen Familie. Die Ehe lief nicht so recht, und die Partner lebten getrennt, was damals sehr ungewöhnlich war. Sie zog mit ihren Kindern  auf das Gut der Großmutter bei Dresden.  Er hauste allein in Planitz. Man munkelte, dass er dem Laster der Trunksucht verfallen war und ein Verhältnis mit einer Tochter des Pfarrers Martius unterhielt, der unentwegt laut und eifernd Moral predigte.

Im Sommer 1772, in einem der schlimmsten Hungerjahre in Sachsen, erkrankte der Kammerjunker  schwer, lehnte aber den Besuch seiner Ehefrau mehrfach ab. Als er schließlich in einen komaähnlichen Zustand fiel, mussten die Bediensteten doch seine Frau informieren, die auch sofort erschien in Begleitung ihres Rechtsbeistandes, des Zwickauer Ratsherrn und Advokaten Tobias Hempel. (Den Namen sollte man sich merken!)

Obwohl sie sich wenig um den Kranken kümmerte, behauptete sie, er habe sich mit ihr vollkommen ausgesöhnt, und entwarf sofort mit dem Juristen ein Testament, in dem ihr neben dem reichen gesetzlichen Erbe noch zusätzlich 10.000 Taler, nach ihrer Meinung „eine nichtswürdige Kleinigkeit“, zufallen sollten. Vor Zeugen las man das Testament dem Bewusstlosen vor, der danach so lange geschüttelt wurde, bis er einige Töne von sich gab, die sie als „ja“ gehört haben wollte. Dann ergriff ein Feldscher, der den Kranken bisher betreut hatte, dessen kraftlose Hand und unterschrieb des Dokument, allerdings sehr unleserlich.

Zwei Tage später verstarb der Kammerjunker und wurde mit  Pomp in der Schlosskirche begraben.

Schnell und energisch übernahm die Witwe die Herrschaft und entließ sofort die vertrauten Diener des Verstorbenen, die  beim zweifelhaften Testieren dabei gewesen waren. Einen bedachte sie dabei noch mit Ohrfeigen.

So schuf sie sich Feinde, die in der Folge die Kronzeugen der Arnims wurden, nämlich der Familien der vier Schwestern des Verstorbenen. Sie verweigerten nicht nur die Auszahlung des ins Testament zusätzlich aufgenommenen Geldes, sondern die Herausgabe des gesamten Erbes. Der Streit nahm groteske Züge an, weil die Witwe z.B. die Schlüssel für die Räume des Schlosses  behielt. Aber sie musste nach und nach alles herausrücken,

sogar ihre Kinder, die in Familien der Tanten aufwuchsen.

Sie zog schließlich nach Zwickau und heiratete 1782 ihren Rechtsbeistand Tobias Hempel, dem sie schon in ihrer Witwenzeit zwei Kinder geschenkt hatte.  Als „Hempelin“ stritt sie unversöhnlich, jedoch vergeblich bis zu ihrem Tod  weiter um das Erbe.

Ihr Sohn, Carl Christoph von Arnim, wurde schon vor dem gesetzlichen Alter für volljährig erklärt und übernahm die Grundherrschaft Planitz. Mit seiner Mutter verband ihn nichts. Er war ein großer Naturfreund, begründete den Tierpark Hirschfeld, ließ das wunderschöne Teehäuschen im Park errichten und verfügte, dass er nicht in der Schlosskirche, sondern auf dem Friedhof unter Bäumen begraben wurde.

Über Tobias Hempel, der in unserer Geschichte eine sehr zwielichtige Rolle gespielt hat, kann aber noch  Positives berichtet werden. Er setzte sich engagiert dafür ein, dass in der höheren Schule in Zwickau neben den klassischen Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch auch eine moderne Fremdsprache, nämlich Französisch, gelehrt wurde.  Er bezahlte einen Lehrer, unterrichtete manchmal selbst und schenkte der Schule wertvolle Bücher, die als Hempelsche Stiftung heute noch in der Ratsschulbibliothek gehütet werden.


Dr. Günter Zorn

Schlossflügel A
lupe

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