Ein Hobbyimker erklärt uns das Bienenvolk


Im Umgang mit Bienen, die schon länger hier leben, nämlich 35 Millionen Jahre, gehe ich als Hobbyimker mit der natürlichen Organisationsform dieser Spezies um: Dem Bienenvolk oder den Bienenvölkern. Diese Tiere kommen seit 35 Millionen Jahren nicht auf die Idee, sich als „Bevölkerung“ zu verstehen. Ein Bienenvolk besteht eben nicht aus „denen, die schon länger im Bienenstock leben“ und „denen, die noch nicht so lange hier leben“.

Ich habe zehn Bienenvölker. In denen leben im Sommer jeweils ca. 40.000 Bewohnerinnen und eine überschaubare Zahl von Bewohnern – Drohnen genannt. Geleitet wird jedes Volk von einer Bienenkönigin. In normalen Zeiten käme nie eine Biene auf die Idee, in ein anders Volk zu fliegen. Versuchte sie es oder probierten einige Bienen ein Eindringen in ein anderes Volk, so müssten sie mit massiver gewaltsamer Gegenwehr und sehr wahrscheinlich mit dem Tod rechnen. Jedes Bienenvolk hat seine Königin, die mittels Pheromonen den „Stallgeruch“ bestimmt. Jedes Volk, so beobachtet der erfahrene Imker, hat so etwas wie einen eigenen Charakter. Man könnte sagen, Volkscharakter. Einige Völker sind absolut friedlich, andere unterschiedlich stark aggressiv. Einige Völker wachsen zu einer beachtlichen  zahlenmäßigen Größe an, andere bleiben eher klein. Einige bevorzugen Pollen, andere nur Nektar, und, und, und…

Jeder ungebetene Eindringling wird getötet. Mäuse, Hamster und andere Kleintiere werden als Kadaver mittels Propolis, einem schwachen Antibiotikum nahezu balsamiert, damit der tote Körper dem Bienenvolk nicht schadet.

Einzige Ausnahme für eine Aufnahme fremder Bienen ist das sogenannte „Einbetteln“ von Bienen, denen die Lebensgrundlage entzogen wurde. Das passiert mit ganz bestimmten körperlichen Kommunikationsformen. Die Einbettelnden haben ihre Königin verloren, der Stock ist z.B. durch einen Bären oder Menschen zerstört worden. Das ist der maximale Gau, der einer Biene passieren kann. Die aufgenommenen Bienen werden dann vom Aufnahmevolk an die Plätze gesetzt, an denen sie gebraucht werden, nehmen den „Stallgeruch“, quasi die Kultur des Aufnahmevolkes an und sind ab da auf ihre neue Königin konditioniert. Die Bienen kämen nie auf die Idee, auf ihre alte Identität, ihren alten „Stallgeruch“ zu bestehen. Sie kämen nie auf die Idee, auf spezielle Nahrung zu bestehen oder kulturelle Rituale aus dem alten Volk durchsetzen zu wollen. Sie würden in den natürlichen Zyklus des Aufnahmevolkes eingehen, Nützlichkeit einbringen und mit ihrem Tod bliebe nichts übrig als das Aufnahmevolk in seiner Identität, dem sie vielleicht etwas genützt haben.

Die „Bienenmonarchie“ ist übrigens nicht so absolut, wie der Name „Königin“ vermuten lässt. Bringt eine Bienenkönigin nicht mehr die Legeleistung, die für das Überleben des Bienenvolkes über den Winter notwendig ist, wird sie krank, verletzt, etc., so töten die Bienen die alte Königin und ziehen sich sozusagen eine neue, junge und leistungsfähige Königin. So hat das „Volk“ auch in einem Bienenstaat etwas zu sagen.

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