Wie ein Planitzer vor 120 Jahren ein qualifizierter Facharbeiter wurde


Gerade jetzt, wo Handwerksbetriebe händeringend junge Leute für eine  Facharbeiterausbildung suchen, ist es aufschlussreich, in die Geschichte zu schauen, wie man vor drei, vier Generationen Facharbeiter werden konnte.

Um 1880 lebte in Niederplanitz die Familie J. in einem kleinen Häuschen in der Nähe der heutigen Apotheke. Vater, Mutter und fünf Kinder. Der Vater Franz war stolzer „Herrenschächter“, d.h. er arbeitete als Fördermann auf dem alten Heinrichschacht an der Lengenfelder Straße.

Die Bergleute der Arnimschen Schächte waren sich  ihrer Tradition bewusst, froh auch darüber, dass sie ein paar Pfennige mehr Lohn als ihre Berufskollegen bekamen. Aber als 1889 der alte Heinrichschacht ausgekohlt war und geschlossen wurde, wurde Vater J. nicht auf einen anderen Schacht umgesetzt, sondern mit einer winzigen Rente nach Hause geschickt. Er war noch nicht fünfzig, aber schon  ein „Invalid“, wie man hier bei uns die Rentner nannte. Ob es ein Einzelschicksal war oder mehrere seiner Bergkameraden traf, war nicht zu ermitteln. Er erschloss sich eine winzige Erwerbsquelle, um die Familie zu erhalten. Er ging auf den großen Feldern herum, auf denen heute Neuplanitz steht, fing Maulwürfe, tötete und pelzte sie, gerbte die Fellchen und verkaufte sie  an  Töchter  wohlhabender Bauern. Denn die glänzenden schwarzen Felle liebte man als Mütze, Ärmelbesatz oder Muff. So ausstaffiert stöckelten dann die jungen Frauen im Winter am Sonntag in die Kirche.

Obwohl die finanzielle Lage der Familie schlecht war, erfüllte Vater J. seinem ältesten Sohn, einem ernsten, sehr fleißigen Jungen namens  Curt, dessen exquisiten Berufswunsch: Schlosser und Feinmechaniker. Das bedeutete drei Jahre Lehrzeit. Jedes Jahr waren dem Lehrmeister in Zwickau 20 Goldmark als Lehrgeld zu zahlen, die allerdings im dritten Lehrjahr erlassen wurden, weil der Lehrling schon eine tüchtige Hilfe in der Werkstatt geworden war.

Die Arbeitszeit ging von sechs früh zu sechs abends, Sonnabends bis vier, aber dann hatten die Lehrlinge die Werkstatt zu reinigen. Und Sonntag? Da fand der Unterricht der Fortbildungsschule, Vorläufer der Berufsschule, statt. Jeden vierten Sonntag Vormittag gingen die Lehrlinge  geschlossen in die Kirche. Davor drückte sich Curt, putzte und pflegte in der Zeit bei einem Hutmacher dessen Heißluftmotor, der eine Presse für Filzhüte antrieb. Für seine Tätigkeit bekam Curt kein Geld, sondern die abgelegten Lehrbücher des Hutmachersohnes, der ein Technikum absolviert hatte. In seiner spärlichen Freizeit büffelte Curt hauptsächlich die Gesetze der Mechanik.

Nachdem er ausgelernt hatte, beschaffte er sich als  Mechanikergeselle die nötigen Papiere und ging auf die „Walz“, die traditionelle Handwerkerwanderschaft. Er tippelte los Richtung Reichenbach und Plauen und durchwanderte Süddeutschland. Bei den großen führenden Fahrrad- und Nähmaschinenherstellern suchte er Arbeit, um deren Produkte gründlich kennenzulernen. Bei einigen blieb er bis zu drei Monaten, ehe er zum nächsten aufbrach. Dann marschierte er als Rucksacktourist durch große Gebiete der deutschsprachigen Schweiz und auch durch Österreich. Sein Wanderbuch, das noch erhalten ist, belegt Tag für Tag die Route. In Wien verdingte er sich später bei einer großen Rohrlegerfirma, die für den Wasserleitungsbau in Budapest Leute suchte. Von Ungarn aus kam er über Böhmen und Mähren zurück in die Heimat. Drei Jahre und einen Tag genau war er unterwegs gewesen und dabei ein stattlicher Mann geworden, den der Vater auf den ersten Blick nicht als seinen Sohn erkannte.

Seine gediegenen Kenntnisse der Fahrräder und Nähmaschinen nützt er später nur in abendlicher Heimarbeit, aber sie waren ihm auch förderlich, als er etliche Jahre später seine Meisterprüfung ablegte und bis zur Rente in einer Kammgarnspinnerei die Schlosserei leitete.

Die vier Jahre Frankreichaufenthalt 1914 bis 1918 als Kanonier hatten keinen Einfluss auf seine fachliche Qualifizierung, aber großen auf seine politische Haltung. Er hasste den Krieg und das Nazigetöse. Nie rief er „Heil Hitler!“, sondern knurrte, wenn es unumgänglich war: „Drei Liter“.

Diesmal stammen meine Informationen nicht  aus alten Akten oder Zeitungen, sondern aus meinem Familienarchiv und seinen Erzählungen. Er war mein Großvater.


Dr. Günter Zorn

Wanderbuch
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