In eigener Sache


„Wir sind Tote“, sagte er. „Wir sind Tote“, sprach Julia ihm gehorsam nach. „Ihr seid Tote“, sagte hinter ihnen eine eiserne Stimme. „Da, hinter dem Bild“, hauchte Julia. „Da, hinter dem Bild“, sagte die Stimme. „Bleibt, wo ihr seid. Keine Bewegung, bis man es euch befiehlt.“ Man hörte ein Schnappen, so als sei eine Arretierung gelöst worden, und das Zerschellen von Glas. Das Bild war zu Boden gefallen, und dahinter wurde der Teleschirm sichtbar. „Jetzt können sie uns sehen“, sagte Julia. „Jetzt können wir Euch sehen“, sagte die Stimme…

Das war ein kurzer Auszug aus dem Buch »1984« von George Orwell, das der in der DDR verbotene Schriftsteller bereits 1948 veröffentlichte. Es ist die düstere Zukunftsvision einer total überwachten Menscheit und wird in der Literaturkritik als Sozialutopie bezeichnet. Dass so etwas einmal Wirklichkeit werden könnte, war bis vor wenigen Jahren – trotz GESTAPO im Dritten Reich und STASI in der DDR, die Orwells Menetekel schon erschreckend nahe kamen – schwer vorstellbar. Und doch ist die Realität noch viel schlimmer, als die meisten Menschen ahnen oder wahrhaben wollen. Unsere heutige Ausspähung der Intimsphäre reicht viel weiter und geht viel einfacher und vor allem geschieht sie vollkommen freiwillig. Da nützt es gar nichts, lauthals aufs Internet zu schimpfen, wenn man sich in heiliger Einfalt bei allen möglichen sozialen Netzwerken, wie FACEBOOK, GOOGLE, TWITTER und INSTAGRAMM anmeldet und die persönlichsten Details seines Privatlebens dem Rest der Welt brühwarm serviert. Und es nützt auch nichts, auf unseren ehemaligen Juztiz-Politdarsteller Heiko Maas und sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz zu schimpfen, das die Betreiber derartiger Plattformen zur Löschung unliebsamer Veröffentlichungen verpflichtet, obwohl diese gar nicht die juristische Kompetenz zur Beurteilung vermeintlicher Straftaten haben.

Der absolute Hit ist aber »ALEXA«, ein kleines Gerät mit Mikrofon, Lautsprecher und natürlich Internetanschluss. Mit  »ALEXA« kann man reden, was ja schon irgendwie gaga ist, und »ALEXA« spielt Musik, dreht den Fernseher lauter oder leise und noch vieles mehr – je nachdem wie „smart“ das Home des Nutzers ist. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Dass »ALEXA« ein perfektes Abhörgerät ist – wen kümmerts? Der Kunde bezahlt die Wanze, die ihn rund um die Uhr bespitzelt völlig freiwillig auch noch selbst. Wenn man das nicht als gelungensten Coup der Unterhaltungsindustrie bezeichnen will, was dann?

Übrigens – für die bibelkundigen unter unseren Lesern: Johannes, der Verfasser des 4. Evangeliums und dreier Briefe im Neuen Testament, hat von derartigen Dingen schon im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, von einem „sprechenden Bild“ gewarnt. Ich zitiere mal aus der Übersetzung von Martin Luther: „Und es wurde ihm gegeben, dem Bild des Tieres Geist zu geben, so daß das Bild des Tieres auch redete und machte, daß alle, welche das Bild des Tieres nicht anbeteten, getötet wurden“ (Offenbarung, Kapitel 13, Vers 15).

Ja, was soll man dazu noch sagen? Man mag zur Bibel ja stehen, wie man will, aber interessant sind solche Aussagen schon. Johannes soll ja die Offenbarung als eine Art „Vision“ empfangen haben. Es sind demnach also nicht seine eigenen Ideen.

Und damit sind wir wieder bei Orwell und mir stellt sich nun die Frage: Sind wir Tote?


herzlichst, ihr Stefan Patzer

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