Sportspionage: Der »Cainsdorfer Eiskanal«


Es ist eine spannende Geschichte, die mehr als 45 Jahre zurückreicht.

Nachdem die DDR zur Olympiade bis 1964 mit der Bundesrepublik Deutschland als gemeinsame Mannschaft antreten musste, sah die Situation 1968 ganz anders aus: Es gab zwei deutsche Olympiateams und eine Fahne für beide Länder, die weder davor noch danach je wieder gesehen wurde. Schwarz-Rot-Gold mit den Olympischen Ringen. Wenn ein Sportler aus Ost- oder Westdeutschland ganz oben auf dem Treppchen landete, wurde als Hymne Beethovens »Ode an die Freude« intoniert.

1972 endlich startete die DDR vollkommen souverän zur Olympiade. Und das ausgerechnet in Deutschland. Beim „Klassenfeind“! Sommerolympiade in München 1972.

Vieles war bei dieser Olympiade anders als bei den Spielen davor. Es gab erstmals ein „olympisches Dorf“, in dem die Athleten untergebracht waren. Kanuslalom wurde olympische Disziplin und die westdeutschen Sportorganisatoren entschieden sich erstmals in der Geschichte des Kanusports, die Meisterschaften in einem künstlichen Kanal auszutragen. In Augsburg entstand in 10monatiger Bauzeit für seinerzeit spektakuläre mehr als 20 Mio. D-Mark am Lech der »Eiskanal«. Die westdeutschen Kanuten, die mit wirklich konkurrenzfähigen Leistungen aufwarten konnten, erhofften sich durch den Trainingsvorsprung auf dem völlig neuen Terrain der künstlichen Rennstrecke beste Platzierungen. Aber da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Was genau passiert ist, wird sich wohl nie ganz genau rekonstruieren lassen, aber die DDR mit ihrem krankhaften Ehrgeiz ganz besonders im sportlichen Bereich, hat hier nicht tatenlos zusehen wollen. Ob der Zwickauer Rudi Landgraf, damals Vorsitzender der internationalen Kanukommission, oder DDR Nationaltrainer Werner Lempert den Anstoß zum Bau einer  ähnlichen künstlichen Kanustrecke in der DDR gegeben hat, wird wohl ewig im Dunkeln deutscher Sportgeschichte bleiben. Fakt ist, die geheime Rennstrecke, die in nur viermonatiger Bauzeit für 2,2 Mio Ostmark in Cainsdorf neben der Zwickauer Mulde entstand, ist ein Fall von Sportspionage erster Klasse. Das „Duplikat“ aber keinesfalls – wie westdeutsche Zeitungen bis in die jüngste Gegenwart behaupten – eine 1:1-Kopie des Augsburger Eiskanals. Er ist mit ca. 200 m Länge und 7,5 m Breite wesentlich kleiner. Auch die Betonhindernisse, die für wildwasserähnliche Strömungsverhältnisse sorgten, sind nur nachempfunden. Dass nicht das BMK Süd für diesen wichtigen Bau verantwortlich zeichnet, sondern der zentrale Sportstättenbau der DDR, dürfte hingegen außer Zweifel stehen. Vermutlich spielten hier auch die Sportwissenschaftler der DHFK in Leipzig eine nicht unwesentliche Rolle. Die DDR überließ bei so wichtigen Entscheidungen nichts dem Zufall. Trainer und Kanuten des Cainsdorfer Sportleistungszentrums wurden übrigens seinerzeit nicht informiert. Fotos und Pläne existieren nicht oder nicht mehr.

Mein Westcousin, Gunnar, der uns fast jedes Jahr besuchte, erfuhr von mir, dass ganz in der Nähe der „ostdeutsche Eiskanal“ entstanden war und wollte den natürlich fotografieren. Wir kletterten an der Caindorfer Brauereistraße durch den Zaun und über die Gleise. Er, damals 25 und ich 15 Jahre, machten uns keine Gedanken über mögliche Konsequenzen durch die „Staatsorgane“. 45 Jahre habe ich nichts mehr von den Fotos gesehen oder gehört, bis mich ein Freund in der letzten Woche an die Kanurennstrecke einlud. Der mdr wolle eine Dokumentation zum Thema produzieren. (Sendung am 19. 9. 2017 um 20.45 Uhr). Da rief ich meinen Cousin an und fragte, ob er die Fotos noch habe. Nach einer halben Stunde waren sie auf meinem Rechner.

Was ist nun noch darüber zu berichten? Der »Ost-Eiskanal« hat seinen Zweck erfüllt. Karl Eduard von Schnitzler tönte seinerzeit im Schwarzen Kanal: „Der Herr Kapellmeister soll die DDR Nationalhymne mal gut einstudieren, er wird sie oft spielen müssen.“ Recht behalten hat er, der alte Wahrsager. Die DDR-Kanuten holten mit Reinhard Eiben, Siegbert Horn, Angelika Bahmann und dem Kanadier-Zweier Walter Hofmann und Rolf-Dieter Amend vier mal Gold.

Und was wurde aus dem DDR-Eiskanal an der Zwickauer Mulde?  Die Verantwortlichen Sportfunktionäre hatten an dem Provisorium jedwedes Interesse verloren. Bis 1979 wurde er nur noch selten von den Zwickauer Kanuten genutzt, dann wurde er sich selbst überlassen und ist inzwischen teilweise zugeschüttet und vollkommen mit Unkraut überwuchert. Aber auch mit dem Schwarzen Kanal  war zehn Jahre später endgültig Schluss.


Schwarzweißfotos: Gunnar Olms

DDR-Eiskanal1
DDR-Eiskanal1
DDR-Eiskanal1
DDR-Eiskanal1
DDR-Eiskanal1
lupe

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