In alten Zeitungen geblättert - Planitz vor 120 Jahren


Gern liest der historisch Interessierte alte Nachrichten. Blicken wir 120 Jahre zurück. Nieder- und Oberplanitz 1897 – zwei große Dörfer, jedes mit über 10.000 Einwohnern, da könnte jedes für sich eine hübsche Stadt sein. Es sind Wohngemeinden von Berg- und Hüttenarbeitern. Der ursprüngliche bäuerliche Charakter ist fast verschwunden. Zusammen wären sie ein stattliches städtisches Gemeinwesen. Aber sie mögen sich nicht, neiden einander ihre Leistungen.

Das beginnt mit den Herren Gemeinderäten. Die Nieder-planitzer sind überheblich, weil sie mehr Steuern einnehmen, denn die großen Arnimschen Steinkohlenwerke liegen auf ihrem Territorium. Sie schauen auf die Oberplanitzer herab, die die armen, aber stolzen Verwandten spielen. Dafür gibt es gerade zu dieser Zeit ein sprechendes Beispiel.

In Niederplanitz ist ein stattliches, hoch modernes Elektrizitätswerk in Bau. An dem roten Ziegelgebäude, in dem jetzt die Freiwillige Feuerwehr ihr Domizil hat, kann man die ursprüngliche Funktion noch lesen (Foto). Eine neuzeitliche Straßenbeleuchtung wird vorbereitet, die Häuser erhalten ihren Anschluss an das Stromnetz. Das im Folgejahr fertiggestellte E-Werk hat arge Kinderkrankheiten, aber nach teuren Nacharbeiten funktioniert es gut und könnte mühelos auch Oberplanitz, das noch im Dunklen liegt, versorgen. Aber als nach etlichen Jahren auch dort die neue Energie einzieht, nimmt man sie nicht vom Nachbarn, sondern lässt sie aus Oberhohndorf liefern. Man gönnt es dem Niederdorf nicht!

Übrigens gibt es damals keine Stromzähler in den Wohnungen. Da die Elektrizität ausschließlich zur Beleuchtung dient, zahlt man pro Glühbirne eine Pauschale. Deshalb sprachen unsere Großeltern nur vom „Lichtgeld“, wenn sie die Stromkosten meinten. Allerdings beschränken sich die Animositäten nicht nur auf die Gemeinderäte, sie reichen bis zur Jugend auf den Tanzsälen. Gefährlich ist es für einen Jungen aus dem Niederdorf, der sich in ein Mädchen aus dem Oberdorf verguckt hat und es nach dem Tanz nach Hause begleitet. Blaue Flecke sind angesagt.

Wenden wir uns ernsthaft der Jugend zu. 1897 schließen in den vier Schulen von Planitz rund 400 Kinder die Volksschule mit der Klasse 8 ab. Einige wenige lernen weiter auf dem Seminar, denn sie wollen Lehrer werden. Einzelne waren schon nach der 4. Klasse aufs Gymnasium oder die Oberrealschule in Zwickau gekommen. Alle anderen treten als Lehrlinge oder ungelernte Arbeiter ins Berufsleben ein. Für ungefähr 100 bedeutet das, die Heimat und das Elternhaus zu verlassen. Unter ihnen sind 56 Mädchen, die „auswärts in Stellung gehen“. Man findet das völlig normal, dass die Vierzehnjährigen in einer fremden Stadt als Kinder- oder Dienstmädchen bzw. in einem anderen Dorf als Jungmagd für keinen oder geringen Lohn dienen.

Und noch etwas Ortsspezifisches aus diesem Jahr. Eine besondere Schule wird geschlossen, nämlich die Klöppelschule. Untergebracht ist sie in dem stattlichen Haus neben dem Schloss, das wegen seiner ursprünglichen Bewohner auch Steigerhaus genannt wird. Gegründet hatte sie einst Isolda von Arnim, die resolute Schlossherrin, die ein patriarchalisches Regiment führte. Sie hatte sich dabei von zwei Gedanken leiten lassen. Die Mädchen sollen Klöppeln lernen, aber nicht als anspruchsvolles Hobby, sondern als frauentypische Nebenerwerbsquelle. Und die während des Schulbesuches erzeugten Deckchen, Spitzen u.ä. werden verkauft, der Erlös wird über die Zeit gespart und zur Entlassung ausgezahlt. Im Berichtsjahr sind es 80 bis 150 Mark pro Mädchen. Das sind stattliche Summen, die nach dem Willen der Stifterin hauptsächlich zum Kauf einer Nähmaschine angelegt werden sollen, so dass die jungen Klöpplerinnen auf den guten Weg zur perfekten Hausfrau gebracht sind. Aber die Planitzer Mädchen haben wohl anderes im Sinn als Klöppeln, so dass die Klöppelschule wegen des geringen Zuspruchs geschlossen wird.

Natürlich geschieht in diesem Jahr noch viel mehr in den beiden Dörfern. Die zahlreichen Vereine  bemühen sich, mit vielfältigen Veranstaltungen ihren Mitgliedern Abwechslung durch Geselligkeit zu bieten. Dem gleichen Zweck dienen Gastspiele von Marionetten-, Laien- und Berufsensembles, die ausschließlich Heiteres und Komisches im Programm haben. Von den Mühen des Alltags, wenn der Wochenlohn nicht reicht, wenn ein Kind krank ist, wenn der Vater einen Teil seines Lohnes durch die Kehle rinnen lässt, davon kann man nichts lesen. Und so entsteht die Mär von der guten alten Zeit.


Dr, Günter Zorn

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