Erz wird gebraucht und gefördert


Um weiter beim Thema Königin Marienhütte bleiben zu können, erinnere ich Sie, verehrte Leserin, und Sie, lieber Leser, daran, was der allererste Schritt der Gründerväter war. Sie besuchten gemeinsam die Eisenerzzeche „Neugeboren Kindlein“ in Stenn, um sich ein Bild von deren Leistungsfähigkeit zu machen. Und das führt uns zum dritten entscheidenden Standortvorteil für ein Eisengießerunternehmen in der hiesigen Gegend. Neben Kohle und Wasserkraft (die allerdings bald von der Dampfkraft abgelöst wurde) war es das Eisenerzaufkommen.Um dessen Bedeutung richtig einordnen zu können, sollen zwei Zwischenbemerkungen allgemeiner Art eingefügt werden.Natürlich lebte und lebt das Erzgebirge vom Ruhm und Glanz des Silbers, das Freiberg, Schneeberg oder Annaberg  berühmt und reich gemacht hat. Legenden bildeten sich darum, wie die von Herzog Albrecht, der 1477 in Schneeberg unter Tage an einem Tisch aus purem Silber getafelt haben soll. Kaiser, Könige und Fürsten hatten wohl silbernes Geschirr, aber einen Edelmetalltisch besaß nur ein reicher Wettiner. Obwohl selten gefunden, waren reine Erzstufen von ein bis zwei Tonnen Gewicht nicht ausgeschlossen. Schaut man aber kritisch auf das gesamte Erzgebirge und einen langen Abbauzeitraum, dann ist es das Eisen, das durch seine Gewinnung und Verarbeitung wirtschaftlich das größte Gewicht hatte. Und die Hütte in Cainsdorf reihte sich dabei an vorderer Stelle ein. Und noch eine zweite Überlegung sei eingefügt.  In diesen Jahren steckte in Deutschland das Eisenbahnwesen in seinen frühesten Kinderschuhen. 1835 fuhr die Eisenbahn das erste Mal eine kurze Strecke von Nürnberg nach Fürth. Zwei Jahre später begann der Bau der ersten Fernstrecke von Leipzig nach Dresden. Ganz langsam eröffneten sich effektive Transportwege für Erzmassen über weite Entfernungen. Dringend braucht man Erz, aber für den  Pferdefuhrwerkverkehr musste man es immer noch  in der Nähe suchen.Nun zur Gründung der Hütte:Die Aktien wurden relativ schnell gezeichnet. Allerdings durch die Vermittlung eines zwielichtigen Leipziger Handelshauses, das später viel Ärger verursachte. Also konnte am 5. August 1839 die „Sächsische Eisen-Compagnie“ gegründet werden. Im § 1 ihrer vorläufigen Statuten heißt es: „Es vereinigt sich unter dem Namen Sächsische Eisen-Compagnie eine Aktiengesellschaft, um in der Gegend um Zwickau Roheisen zu gewinnen und zu verarbeiten, zu diesem Behufe aber die erforderlichen Gruben zu erwerben und ein Eisenhüttenwerk zu errichten.“ Knapp drei Jahre später erhielt das Unternehmen den Namen „Königin-Marienhütte“. Leider schlug bei dieser Gründung der  Versuch fehl, die angesehene Familie von Einsiedel  mit ins Boot zu holen. Sie betrieb schon seit 1725 in Südbrandenburg die sehr erfolgreiche Eisen- und Bronzegießerei Lauchhammer. Im April 1840 erfolgte feierlich der erste Spatenstich zum Werksaufbau. Dabei hatte sich der Standort weiter nach Norden in Richtung Cainsdorf verschoben.Emsig wurde während dieser Zeit der Erwerb  von Erzhütten vorangetrieben. Bis Sommer 1840 kaufte das junge Unternehmen 18 Eisensteingruben in der Umgebung von Zwickau und im gesamten Westerzgebirge. Da man wusste, dass schnell genügend Erz bereitgestellt werden musste, richtete sich das Hauptaugenmerk auf die Gruben in Stenn. Um deren Kaufpreis ergab sich aber zunächst ein garstiger Interessenkonflikt, weil die Besitzer der Gruben, die Arnims und Herings, zugleich Hauptaktionäre des neuen Unternehmens waren. Mit Hilfe des Bergamtes Schneeberg fand man eine Lösung. Da man bereits beim Ausbau der Straße von Stenn nach Cainsdorf am Planitzer Kreuzberg auf Eisenstein stieß, setzte man auch eine gewisse Hoffnung auf dieses Gebiet und trieb einige Stollen in den Berg, von den bis in die Gegenwart Spuren auftauchten. Den Stollen, der die größte Hoffnung barg, nannte man Augentroststollen. Aber er erbrachte wenig Erz und Trost, aber viel gutes Wasser.Im betriebseigenen Eisensteinbergbau beschäftigte die Marienhütte 1843 einen Bergingenieur, 6 Steiger, einen Hilfssteiger und 76 Bergleute, also insgesamt 84 Mann. Und sie hatte einen genügend großen Vorrat an Erz für einen erfolgreichen Anfang ergraben.


Dr. Günter Zorn

Eisensteinstraße_neugeborenKindlein
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