(K)ein Ende des Reformationsgedankens?


Luthers  95 Thesen gegen den Ablasshandel, die gegenwärtig im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, läuteten die Reformation ein. Gut bekannt ist, wie es mit dem aufmüpfigen Mönch weiterging. Vom Papst mit dem Kirchenbann, vom Kaiser mit der Reichsacht bedroht, wurde er mit Wissen seines Kurfürsten Friedrich  auf der Wartburg in Sicherheit gebracht und schuf später in Wittenberg das gewaltige Gebäude eines neuen Glaubens, das er wie seine Familie als Patriarch leitete. Seine geniale Bibelübersetzung und seine Heirat mit einer entlaufenen Nonne heben sich als besondere Ereignisse in seinem Leben heraus.

Aber wie ging es in den Städten und vor allem in den Dörfern des Landes zu?

Wie verlief diese Bewegung bei uns?

Bekannt ist, das 1527 der Planitzer Pfarrer Jacob Werman seine Köchin heiratete. Das war für einen ehemals katholischen Priester, der nach dem Zölibat, dem Eheverbot, zu leben hatte, ein demonstrativer Schritt hin zum neuen Glauben, ein Bekenntnis.  Wie ein rechter evangelischer Geistlicher verkündigte er nun das Evangelium in deutscher Sprache, spendete beim Abendmahl, dem feierlichsten Gottesdienst, der Gemeinde nicht nur das Brot (Hostie), sondern auch den bisher vorenthaltenen Wein und war verheiratet. Er wurde zwei Jahre später bei der ersten Kirchenvisitation, einer Art Überprüfung, als „geschickt befunden“,  war also für sein Amt geeignet. Auch vier Jahre später bekam er bei der nächsten Visitation wieder eine gute Beurteilung: „wohl bericht“ und dazu „kein Unrichtigkeit befunden“. Das war ein hohes Lob für eine junge Kirchgemeinde, das selten ausgesprochen wurde.

Wieder ein paar Jahre später stellten die Visitatoren fest, dass der Planitzer Pfarrer auch materiell sehr gut gestellt war. Er bekam von seiner freigiebigen Gemeinde so viel Geld und Naturalien, dass sein Einkommen fast dem eines Geistlichen in der benachbarten Reformationshochburg Zwickau glich. So kann aus den verschiedenen Fakten  geschlossen werden, dass bei uns die Reformation zügig und ohne Probleme Einzug hielt.    

Die Heirat des Geistlichen war nicht die einzige grundsätzliche Veränderung, die die Reformation für die soziale Institution Ehe brachte.

Da Luther bei seiner radikalen Kritik an den Lehren der katholischen Kirche auch die Ehe zu einem „äußerlich weltlichen Ding“ erklärte und nicht mehr als unlösbaren Bund vor Gott auffasste, wurden in evangelischen Landen Ehescheidung und Wiederverheiratung möglich.

Doch setzte sich diese moderne Auffassung, wie alles Neue, sehr langsam und zögerlich durch.

Auch dafür finden wir in unserer Planitzer Historie ein Beispiel. Eheversprechen, also Verlöbnisse, wurden ebenso ernst genommen wie Eheschließungen. Um 1550 versprach ein Schneidergeselle aus Endschütz in Ostthüringen der Tochter des Planitzer Pfarrers Andreas Ingraben (auch Imgraben geschrieben) vor Zeugen die Ehe und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Drei Jahre mussten vergehen, mehrere Verhandlungen vor dem Zwickauer Ehegericht stattfinden und viele Aktenseiten beschrieben werden, ehe die junge Frau sozusagen „freigesprochen“ wurde für eine neue Verbindung.


Ein sehr beachtlicher Fall ereignete sich in Zwickau. Luthers Schwager Hans von Bora lebte um 1550 nach einem rastlosen Wanderleben auf dem Vorwerk des Kartäuserklosters Crimmitschau, als ihm nach 16 Ehejahren seine Frau mit einem Zwickauer Schulmeister weglief und ihn mit drei kleinen Kindern zurückließ. Mit ihrem neuen Partner hatte sie bald ein Kind und lebte in Böhmen.

Der verlassene Ehemann prozessierte mehr als drei Jahre vor dem Zwickauer Ehegericht, bis seine Ehe geschieden wurde und er eine hübsche Zwickauer Bäckerstochter heiraten konnte. Im Alter verkaufte er seine Landwirtschaft, wurde Zwickauer Bürger und kaufte ein Haus am heutigen Kornmarkt.

Schließlich stellte am Ende des 16. Jahrhunderts ein bekannter Jurist alles Neue in der evangelischen Ehegesetzgebung zusammen und kommentierte es. Damit entstand eine Art Lehrbuch, nach dem man noch viele Jahre Eherecht sprach.

Der Verfasser war kein Geringerer als Joachim von Beust (Bild), zu dieser Zeit Patronatsherr in Planitz.


Dr. Günter Zorn

Joachim von Beust
lupe

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