Planitz vor 80 Jahren


Bleiben wir noch ein Mal dabei, Rückschau zu halten, und blättern in der „Planitzer Zeitung“, die 80 Jahre alt ist. Seit dem Rückblick im vorigen Heft auf das Jahr 1897 ist viel Zeit verflossen. Das Kaiserreich ging im Feuer des 1. Weltkriegs unter, die Weimarer Republik hat der NS-Staat verdrängt. Aus den beiden Dörfern Nieder- und Oberplanitz wird 1923 die größte Gemeinde Sachsens gebildet und  ein Jahr später zur Stadt Planitz erhoben.  

Dort scheint es  1937 unbeschwert und fröhlich zuzugehen. Manche Arbeitslose haben Arbeit gefunden, z.B. beim Autobahnbau, der in diesem Jahr in unserer Gegend  beginnt. Ein reges Vereinsleben blüht, Ausstellungen, z.B. vom Schnitzerverein, und Feste sind  an der Tagesordnung. Zwar gibt es bei weitem nicht mehr so viele Vereine wie vor 1933, aber die braun eingefärbten oder geduldeten sind recht aktiv.

Im Frühjahr werden Baupläne für ein großes, modernes Kino bekannt, das „Capitol“ heißen soll, und im Sommer beginnen die Erdarbeiten dafür an der Inneren Zwickauer Straße. In der warmen Jahreszeit lockt das erst seit wenigen Jahren bestehende Strandbad, das modernste weit und breit, viele Gäste an. Nicht nur Schwimmfeste und die eben erst gebaute Gaststätte ziehen an, sondern auch eine weitere Attraktion. Eine Planitzer Baufirma errichtet eine Wasserrutsche. Zwar nehmen sich deren Maße gegen die der heutigen Plaste-Ungetüme recht bescheiden aus. Fünf Meter ist sie hoch, die Rutschbahn misst knapp 15 Meter. Aber andere Freibäder können mit solch einem Spaßfaktor nicht aufwarten.

Im Herbst wird das Schloss zum Mittelpunkt einer scheinbar unbeschwerten Fröhlichkeit. Das zum Rathaus umfunktionierte Schloss wird zum Austragungsort eines ausgedehnten Schlossfestes, das seit einigen Jahren Tradition zu werden beginnt. Das große Gebäude ist samt Park mit Teehäuschen prächtig illuminiert, etliche Gaststätten sind eingerichtet. Eine besonders romantische, Ritterstuben genannt, befindet sich in einem Keller des Schlosses. Noch heute kann  man dort die Reste einer simplen Wandmalerei entdecken (s. Foto), die gemütliche Volkstümlichkeit demonstrieren möchte. Begeistert überschlägt sich fast die „Planitzer Zeitung“  bei der Angabe der Besucherzahl, die in die Tausende gehen soll.

Aber der aufmerksame Leser findet in diesem Jahr, wenn auch klein und versteckt, in der Zeitung Anzeichen einer anderen, einer gefährlichen Art.

Schon im Januar meldet sie kommentarlos, dass Butter nicht mehr frei verkäuflich ist, sondern nur noch auf die Kundenkarte eines bestimmten Lebensmittelgeschäftes abgegeben wird. Das ist die praktische Folge von Görings Parole „Das deutsche Volk braucht Kanonen statt Butter“ und verweist auf Rüstung und Krieg. Dahin zielt auch die scheinbar völlig harmlose Meldung im Mai, dass im Gelände des Strandbades viele Maulbeersträucher gepflanzt sind. Man braucht sie für die Seidenraupenzucht. Und diese Tierchen produzieren die einzige Seide, aus der man Fallschirme fertigen kann. Zum gleichen Zweck wird wenig später auch der Hang zwischen Schlosspark und Lengenfelder Straße mit Maulbeersträuchern bepflanzt. Die gefräßigen Raupen sind in der Parkgärtnerei untergebracht. Hinter ihren Fressen und Spinnen stecken Rüstung und Krieg. Darauf deuten auch etliche Meldungen, die im Mai damit beginnen, dass an allen Schulen Probefliegeralarme angekündigt werden. Besonders tut sich dabei die konfessionelle Schule der Johannes- Gemeinde hervor, die verkündet, dass aller Unterricht in den Dienst des Luftschutzes gestellt wird. Auch im Hintergebäude der Bielschule frönt man dieser Form der Kriegsvorbereitung. In einer Ausstellung zum Thema „Das luftschutzbereite Haus“ gaukelt man den Menschen vor, wie mit ein paar Stützbalken im Keller, einigen Tüten Löschsand und einer primitiven Wasserspritze ein Haus für einen künftigen Luftkrieg gerüstet werden kann.  Die Volksgasmaske für klein und groß  nicht zu vergessen!  

Viele Leute glaubten damals, die dunklen Kriegswolken am Horizont würden schon verschwinden, wenn man sie nicht beachtet. Ein gefährlicher Irrtum, wie sich zwei Jahre später herausstellt.


Dr. Günter Zorn

Wandgemälde CWG
lupe

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